„Das ist ein Wunder für mich!“

Am Freitag war das erste Gespräch (nicht Verhandlung) zwischen der Tarifkommission, Tarifexperten von der Hauptverwaltung der IG BCE, dem Landesvorsitzenden Ralf Becker und drei Vertretern von Neupack. Wie der Betriebsratsvorsitzende Murat Günes am Donnerstag im Soli-Kreis schon voraussagte, wurde es ein gegenseitiges „Blutdruckmessen“. Es dauerte drei Stunden. Es gab keine Ergebnisse. Es gab keine Presseerklärung. Das nächste Gespräch ist am 27. November.

Am Donnerstagabend war das achte Treffen des Soli-Kreises. Ein erfahrener IGM-Kollege, der zum erstenmal da war, sagte zu den Streikenden: Das ist ein Wunder für mich! Wie habt ihr das geschafft? Er wurde aufgeklärt, daß es einen Vorlauf an Überzeugung und Organisierung durch aktive Gewerkschafter gab, der Jahre dauerte – von nichts kommt nichts. Der ältere Kollege war beeindruckt.

Die Streikenden sagten, daß sie auch dann nicht in den Betrieb zurückgehen würden, falls die Geschäftsleitung das als Bedingung für die Aufnahme von Verhandlungen verlangen würde.

Der Streik solle auch während der Gespräche und Verhandlungen wie gewohnt fortgeführt werden.

So werde am kommenden Donnerstag nach Berlin in den Bundestag gefahren, auf Einladung des Abgeordneten Johannes Kahrs.

Wenn man nicht nur zu den Treffen des Soli-Kreises ins Zelt kommt sondern auch an den anderen Tagen mit den Streikenden Stunden vor den Toren steht und redet und auch bei den diversen Verfahren im Arbeitsgericht war, dann bekommt man den Eindruck von zwei Welten: Einmal die Welt der Angelernten, die oft eine Ausbildung in einem anderen Beruf haben, die bei Neupack für 8.20 Euro arbeiten und die Welt der Richterinnen und Richter. Diese haben die wirkliche Arbeitswelt mit der Willkür der Vorgesetzten, die Arbeitsplätze bei 30 bis 40 Grad Hitze und Drei-Schicht-Betrieb nie kennengelernt – aber sie maßen sich an, „gerechte“ Entscheidungen zu fällen. Abitur, Studium, Richter – fernab der Realität der Arbeitswelt, vielleicht ist das sogar psychische Voraussetzung, naiv und unbefangen das Recht der Herrschenden zu sprechen.

Dieter Wegner, 25.11.2012