Archiv für Dezember 2012

Neupack in Rotenburg – Eindrücke in der achten Streikwoche

Bericht aus Bremen

Am 27. Dezember 2012 fuhren wir, vier Gewerkschaftler und Aktivisten aus Bremen nach Rotenburg (Wümme), um den Kollegen und Kolleginnen, die seit 1. November das dortige Werk des Unternehmens Neupack bestreiken, einen Besuch abzustatten und unsere Solidarität zu zeigen. Wir wussten, wie wichtig bei solchen Arbeitskämpfen die praktische Solidarität ist und wie sehr es den Akteuren hilft, wenn Besucher, Delegationen, Abordnungen aus anderen Betrieben, Abgeordnete, Bürgerinitiativen und natürlich die Medien ihr Interesse und ihre Solidarität bekunden. (mehr…)

Von den Krügers zu Weihnachten: Ein vergiftetes Geschenk

Auch die Krüger hatten sich zu Weihnachten für Streikende ein Geschenk ausgedacht: Sie schickten an etliche von ihnen zwei Briefe. Den einen überschrieben sie „Die Zukunft von Neupack“. Betriebsrat und IG BCE stellen sie als bockig dar, die die „konkreten finanziellen Verbesserungen“ abgelehnt hätten. Dann unterbreiten sie im zweiten Brief eine „Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag“, in der geringfügige Verbesserungen enthalten sind. Damit setzen sie auf Zermürbungstaktik und Spaltung. Sie setzen darauf, daß die Streikenden nach acht Wochen müde geworden und einige sich abspalten lassen und reingehen. Sie setzen darauf, und deshalb haben sie den Brief auf den Gabentisch gelegt, daß z.B. ein Ehepartner auf den/die Streikende einwirkt mit dem Argument: Nimm doch das bischen, ist mehr als gar nichts. Wie lange wollt ihr denn noch durchhalten? Es ist ein Test auf Egoismus oder Kollektivität. (mehr…)

WEIHNACHTSZEIT – ZEIT ZUM KRAFT SCHÖPFEN. ABER KEINE KAMPFPAUSE!

„Die sollen sich an uns die Zähne ausbeißen“.
Zitat eines Streikenden in Stellingen.

„Die Arbeiter sind nicht deshalb stark, weil die öffentliche Meinung auf ihrer Seite steht. Vielmehr entdeckt die öffentliche Meinung die Arbeiter und steht auf ihrer Seite, wenn diese ihre eigene Stärke zum Ausdruck bringen“.
Zitat von ArbeiterInnen der Maschinenfabrik INNSE. (*)
(*) Aus: Betriebsbesetzungen als wirksame Waffe im gewerkschaftlichen Kampf. Eine Studie aktueller Beispiele. 2. Auflage. Zu beziehen beim Solikreis

In der Streikzentrale am Doerriesweg sind hunderte von Soli-Mails aus der ganzen Republik eingegangen, einige Dutzend hängen in der Jurte aufgereiht. Immerhin, es sind Signale, daß KollegInnen und Gruppen in Betrieben und Initiativen um die Gründe für den Neupack-Streik wissen und wohl auch ihren Umkreis darüber informieren. Aber noch mehr freuen sich die Streikenden in Stellingen und in Rotenburg, wenn die UnterstützerInnen auf einen Schnack oder für Stunden vorbeikommen. So kam eine Gruppe von 35 IG Metall-Kollegen am 28.12. nach Rotenburg, Kollegen von Arcelor (früher Klöckner-Hütte), und Daimler. Sie brachten Kohle und einen großen Feuerkorb. Mit zwei Autos kamen die Bremer Kollegen auch in den Doerriesweg, um einen Feuerkorb und Kohle zu bringen. Diese praktische Solidarität wärmt nicht nur die Füße sondern auch das Herz. Jeder, der kommt wird nicht nur die Streikenden antreffen, sondern (zumindest in Stellingen) auch BesucherInnen. So entstehen Gespräche nicht nur über den Streik sondern man kommt auf die politischen Verhältnisse zu sprechen, z.B. auf den Armutsbericht und die auseinandergehende Schere zwischen arm und reich, wozu ganz anschaulich und konkret die Krüger-family beiträgt.

Ein Betriebsrat las am Freitagmorgen einige der vielen Soli-Mails vor:
Vom Bürgermeister der Stadt Rotenburg/Wümme (Detlef Eichinger) an den Betriebsrat Claus-Dieter Thiele: „…der Rat der Stadt Rotenburg verfolgt Ihren Kampf für eine gerechte Entlohnung und Sicherheit durch Tarifverträge. Neben den vielen Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt steht auch der Rat hinter berechtigten Forderungen.“

Die Bezirksversammlung vom Bezirk Eimsbüttel schrieb: „…Die Bezirksversammlung bekundet ihre Solidarität mit den Streikenden der Firma Neupack und unterstützt die Forderung des Betriebsrates nach einem Abschluß eines Tarifvertrages“. (Bei Gegenstimmen der CDU und FDP mehrheitlich beschlossen).

Der Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland e.V.: (…Auch die so oft hoch beschworenen unüberbrückbaren Unterschiede zwischen Einheimischen und Migranten lösen sich in Luft auf, sobald das Gemeinsame in Vordergrund gestellt wird“.

Der Bundesvorsitzende Özlem Alev Demirel von DIDF (Föderation Demokratischer Arbeitervereine) mit Sitz in Köln schreibt:
„… Aus diesem Grund berichten wir überall wo wir sind über euren Kampf. Ihr seid auch vielen Kolleginnen und Kollegen ein Vorbild und zeigt denen die meinen ‚in Krisenzeiten kann man nicht kämpfen‘, daß man doch kämpfen kann! Vor allem zeigt ihr auch, daß man in solchen Zeiten nicht nur Abwehrkämpfe führen kann, sondern auch Erzwingungsstreik führen kann und muß!“
Vom KDA (Kirchlichen Dienst der Arbeitswelt) kamen Gudrun Nolte-Wacker, Heike Riemann und Angelika Kähler. Sie brachten eine Solidaritätserklärung mit, in der es unter anderem heißt, die Entscheidung für einen Streik sei „legitim, und es bedarf dennoch Mut und Entschlossenheit, für das Streikrecht einzustehen“. Und weiter: „Wir wünschen Ihnen Mut, Kreativität und Durchhaltevermögen in dieser Auseinandersetzung, nehmen aufmerksam teil an dem weiteren Prozess und unterstützen Sie gern, wenn Sie unsere Hilfe benötigen.“

Wenn man aus dem Zelt tritt, liegt rechts ein Gewerbe- und Industriegebiet, linkerhand eine Siedlung mit Wohnblöcken. Als wir vor zwei Wochen um fünf Uhr morgens die Streikbrecher in ihrem Bus aufhielten, ertönten einige Vuvuzelas. Gleich darauf kam eine Frau aus einem der Wohnbocks und beschwerte sich über den Lärm in aller Herrgotsfrühe. Sie sei ja beim Laternenumzug mitgegangen und stände auf unserer Seite, aber wir möchten doch mehr Rücksicht nehmen. Wir einigten uns, bis sieben Uhr keinen Lärm mehr zu machen. Dieselbe Nachbarin sammelt jetzt Unterschriften, mit denen die Krüger-family aufgefordert wird, endlich Verhandlungen über einen Tarifvertrag aufzunehmen!

Und die Krüger-family? Allein zu Haus! Aber sie haben ja ihre Telefon-Leitung zur Polizei und zum Arbeitsgericht, wenn sie Kontakt zur Außenwelt haben will. Und zu den 14 Security-Männern (drei mit Hunden), die ihren Besitz schützen.

Es hagelt seit dem Beginn des Streiks, dem 1. November, von Seiten der Krüger-familiy Anzeigen gegen die Streikenden, die Unterstützer, gegen die IG BCE. Gegen einen Unterstützer, der einen leeren (!) Pappbecher auf ein Auto eines Angestellten geworfen hat, gegen die Blockade (nur) von UnterstützerInnen, die die Einfahrt des Streikbrecher-Busses verzögern, gegen die Postkartenaktion der IG BCE. Der kleine Mittelständler Krüger hat Ressourcen, die Gegenseite mit Strafanzeigen zu überziehen und außerdem Beschäftigte mit Abmahnungen und fristlosen Kündigungen. Für die große IG BCE (675.000 Mitglieder) sollte es möglich sein, dieser Art Kampf mit ausreichend man-power zu begegnen.

Wir lernen daraus: Egal, welche Aktivitäten von Streikenden und UnterstützerInnen ergriffen werden, Krüger reagiert mit Strafanzeigen. Weder Streikende noch UnterstützerInnen sollten sich die Art des Handelns vorschreiben lassen!

Die Polizei, bei Streiks gesetzlich zur Neutralität verpflichtet, stellt sich jedoch auf die Seite der Krügers, indem sie die Streikbrecher sobald sie ankommen, zur Durchfahrt auf den Hof verhilft.

Damit gibt sie den Streikenden ein Lehrstück, auf wessen Seite sie steht, genau wie die Arbeitsrichter.

Krüger kann polnische Streikbrecher bei work-expreß in Kattowitz bestellen (Miteigentümer bei work-expreß ist der IGZ-Geschäftsführer Piening) und mit denen die Produktion hochfahren. Die Streikenden werden von Justiz und Polizei zu Passivität und Ohnmacht verurteilt – Lehrstücke, die sich einprägen. Ein Kollege, der sich dem Streikbrecher-Bus entgegenstellt, wird angefahren und stürzt mit dem Hinterkopf aufs Pflaster. Er kommt ins Krankenaus und bekommt eine Strafanzeige und außerdem noch eine fristlose Kündigung. Es gilt, gegen Krüger, Polizei und Justiz Taktiken zu entwickeln, um wirksam zu bleiben. Immerhin waren Streikende und UnterstützerInnen mit ihren Signalen an die polnischen Streikbrecher so wirksam, daß fünf von ihnen nach der Weihnachtspause in Polen bleiben wollen.

Für die Streikenden ist die Krüger-familly kein Sozialpartner, war es noch nie, denn sonst hätte man sie die letzten 15 Jahre nicht so behandelt – für sie sind es schlicht Ausbeuter, die ihren Reichtum aus ihrem Niedriglohn schöpfen, einige von ihnen müssen aufstocken, d.h., sich das Lebensnotwendige auf Kosten des Steuerzahlers vom Job-Center holen. Diese Demütigung, die die Bescäftigten beim Behördengang empfinden ist anscheinend in der Moral dieser ehrbaren Hamburger Kaufleute inbegriffen.

Die Villa des Patriarchen Jens Krüger (72) an der Elbchaussee, natürlich mit Elbblick, ist groß und prachtvoll und groß ist auch die Garage, denn in ihr stehen fünf Nobelkarossen. Jeden Morgen hat er die Qual der Entscheidung, ob er mit dem Ferrari oder einem Mercedes in die niederen Gefilde der Arbeitswelt am Doerriesweg einschwebt. Sein Bruder Hajo hat sich einen bescheidenen Platz an der Alster für seine Villa gesucht. Die 200 Beschäftigten haben den Lebensstandard von 4 Krüger-Familien zu erhalten. Die Krügers können aber auch sehr zurückhaltende Menschen sein, auf keiner ihrer Nobel-Karossen befindet sich einer der beliebten Aufkleber: „Eure Armut kotzt mich an!“. (DW)

Streik bei Neupack
Der Kampf geht weiter! Die Weihnachtszeit ist eine Zeit des Atemholens aber keine Kampfpause!
Es geht weiter mit neuem Elan ab 2. Januar.

D.Wegner

Der Kampf geht weiter, auch in der Weihnachtszeit!

Kommt bei den Zelten vorbei, macht Besuche! (Jederzeit, aber am besten zwischen 12 und 16 Uhr).
Informiert euch bei den KollegInnen, die seit über sieben Wochen streiken!
Verbreitet die Informationen in euren Betrieben, in eurem Umkreis!

Beteiligt euch an den Aktionen in Hamburg:
Weihnachtsfeier morgen 21.12 um 12.00
Brückentag: Film, Solibesuche und Kultur 28.12. um 12.00

Das Zelt in Stellingen steht:
Doerriesweg 15, S-Bahn Stellingen (6 Minuten bis zum Zelt).
Das Zelt in Rotenburg/Wümme steht:
Jeersdorfer Weg.

Zuspruch für die Streikenden

Hunderte Menschen demonstrieren am Hamburger Hauptbahnhof ihre Solidarität mit den Angestellten der Firma Neupack. Artikel von Kai Von Appen in der TAZ vom 16.12.2012